Die erotische Literatur hat eine lange Tradition. Schon die alten Griechen und Römer schrieben Geschichten und Gedichte, in denen die Sinnlichkeit und das Begehren zwischen Menschen eine große Rolle spielten. Dabei legten sie sich nicht nur auf die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau fest. In späteren Epochen der Geschichte war es verpönt, über den Kuss hinaus erotische Spiele und Gedanken zu beschreiben. Alles was zu deutlich oder drastisch zu Papier gebracht wurde, ahndete man von höchster Stelle als Pornografie. Bei uns hat sich in den letzten 50 Jahren eine freizügigere Einstellung gegenüber früher durchgesetzt, was die Zuschaustellung des menschlichen Körpers angeht. Das hat sich auf die einschlägigen Geschichten ausgewirkt, die in früheren Zeiten unter dem Ladentisch gehandelt und später in so genannten Sexpostillen veröffentlicht wurden.
Von Beschränkungen irgendwelcher Art ist im Internet-Angebot an erotischen Geschichten nichts zu bemerken. Viele der zum Teil sehr eindeutigen und oft auch in mangelhaftem Deutsch verfassten Storys erfüllen kommerzielle Zwecke. Sie sollen die Leser zum Kauf von noch anregenderem Material wie Videos bewegen. In anderen Foren üben sich Menschen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten unter einem Pseudonym im Erzählen von erotischen Begebenheiten. Inwieweit dies alle wahre Geschichten sind, spielt dabei keine Rolle. Manche bemühen sich um eine poetische Sprache, lassen aber trotzdem kein Detail aus. Andere Storys sind eher umgangssprachlich verfasst. Auffällig ist, dass sich die Perspektive gegenüber klassischen Sexgeschichten gewandelt hat. So sind es in den Online-Beiträgen sehr häufig die Frauen, die die Initiative ergreifen, ähnlich wie in den Softpornos auf einigen TV-Kanälen.
Wer selbst eine ausgeprägte Fantasie hat und sich zutraut, selbst eine oder mehrere erotische Online-Geschichten zu schreiben, findet auch hierfür im Internet Gelegenheit. Mit Honoraren sollte er lieber nicht rechnen, dafür mit einer interessierten Leserschaft, die sich häufig in ihren Kommentaren nicht zurückhält und die Qualität des Lesestoffs am Grad der ausgelösten Erregung bemisst. Manchem kann es vielleicht gut tun, sich eine erotische Begegnung zwischen Menschen nicht nur auszumalen, sondern die Bilder im Kopf auch in Worte zu kleiden. Das kann über Einsamkeit und Sehnsucht hinweghelfen. Oder vielleicht hat man selbst einmal ein Erlebnis gehabt, das sich nicht aus der Erinnerung löschen lässt und dass man einfach festhalten möchte, weil es so schön, überraschend oder auch besonders aufregend war. Autoren erotischer Geschichten dürfen hemmungslos fabulieren und Erlebtes mit Ausgedachtem vermischen. Die Hauptsache ist, die Figuren der Geschichte wirken halbwegs glaubwürdig und werden plastisch beschrieben, so dass sich der Leser ein Bild von ihnen machen kann. Man kann wörtliche Rede einfließen lassen, um einen erotischen Dialog zu kreieren, und auch Details wie Kleidung, Wäsche, Schuhe u. a. in die Erzählung einbeziehen. Wenn dann noch eine ausführliche erotische Szene im Bett oder an einem anderen Ort folgt, ist der Sinn der meisten Online-Geschichten erfüllt.